Alan Pollard: Elektronische Experimente
Spontane Improvisation
Ein hohes Maß an Synchronität macht eine großartige Band aus, aber Live-Auftritte leben von Improvisation. Da so viele Teile vorbereitet sind, ist das Jammen bei der "Volta"-Tour nicht so einfach. "Es ist immer ein Problem, wenn so viel Material in Form von Sequenzen vorhanden ist", so Pollard. "Man kann während der Show nicht einfach beschließen, an einer Stelle 2 Strophen zu machen. Das würde das ganze Konzept umwerfen, da jeder dann unterschiedliche Dinge sieht." Deshalb verfolgen Björk und ihre Band eine eigene Strategie: Sie lassen die Struktur eines Songs während eines Auftritts unverändert und fügen stattdessen Klänge und kleine Parts hinzu - ähnlich wie Freestyle-Jazzmusiker.
Damian Taylor zeigt den reacTable, ein digitales Audioinstrument, das er auf Björks "Volta"-Tour spielt.
"Damien nimmt Feeds der ganzen Band und bearbeitet sie. Manchmal kommen sie wieder zurück auf den Laptop, und er verwendet die Samples, die er hat", erzählt Pollard. "Wenn es um Remixen und Neuerfinden geht, ist Mark einfach unschlagbar. Ein Großteil seiner Parts ist sehr beatlastig. Unser Drummer Chris legt dann spritzige Soundeffekte und interessante Rhythmen darüber."
Und dann ist da noch der reacTable, ein elektronisches Instrument, das von einer Gruppe digitaler Instrumentenbauer am Audiovisuellen Institut der Universität Pompeu Fabra in Barcelona entwickelt wurde. Die leuchtende, runde Oberfläche des Tisches "liest" Blöcke, die auf die Platte gelegt werden. Jeder dieser Blöcke steht für einen Ton, ein Sample oder einen Filter, der alles andere auf der Platte verstärken kann. Der Benutzer kann die Tonhöhe, Dauer oder Lautstärke jedes einzelnen Blocks/Tons einfach durch Bewegen des Blocks ändern. "Das ist ein echt tolles Teil, richtig revolutionär", findet Taylor. "Der einzige Haken an der Sache ist, dass man herausfinden muss, wie man ein solches Instrument während der Show spielt." Der Meister der digitalen Musik erzeugt mit dem reacTable meist gespenstisch anmutende, UFO-ähnliche Klänge. Auch optisch ist das Instrument eindrucksvoll. Taylors Solo-Parts werden deshalb auf mehrere große Bildschirme projiziert.
Die anderen Bilder und Effekte der Show stammen von ähnlichen elektronischen Geräten. Bell und Taylor verwenden Korg KAOSS Pads und JazzMutant Lemur Steuer-Interfaces. Beide besitzen leuchtende Touch-Screens, die Ableton Live steuern. Das "Spielen" dieser Interfaces erzeugt faszinierende Bilder, die ebenfalls auf Bildschirme in der Halle projiziert werden. Der Gesamteffekt und damit die Show ist überwältigend - sowohl in optischer als auch visueller Hinsicht.
Entwicklungspotenzial
"Die Titelliste umfasst etwa 40 Songs, und wir wissen bis zum Tag des Auftritts nie, welche wir spielen", sagt Pollard. "Das kann sich bis eine Stunde vor dem Beginn der Show ändern."Das heißt, Pollard muss alle Songs immer auf Abruf verfügbar haben. Manchmal geht es nur darum, alles in die richtige Reihenfolge zu bringen, aber häufig muss neu arrangiert werden. "Die Songs sind sehr raffiniert, und man kann sie nicht einfach zusammenschneiden, wenn man sie kürzen muss", so Pollard. Er und die anderen Bandmitglieder können Titel in den Pausen zwischen den Auftritten auf ihren MacBook Pro Computern neu arrangieren. "Da wir alles auf unseren Laptops haben, können wir daran im Hotelzimmer oder auch sonst überall arbeiten", sagt er. "Und mit Logic Pro ist es ganz einfach, schnell Änderungen vorzunehmen."
Bei so vielen Änderungen sind Sicherungskopien unverzichtbar. Pollard verwendet einige in Racks eingebaute Laufwerke, um Sicherungskopien aller MacBook Pro Computer auf der Bühne zu erstellen. Zudem ist ständig ein Zweitsystem verfügbar, falls eines der anderen Systeme ausfallen oder beim Transport beschädigt werden sollte. Es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme - bis jetzt musste Pollard während der Tour noch nicht darauf zurückgreifen. "Wie oft geht schon was schief? Fast nie", sagt er. "Ich arbeite jetzt schon lange in dieser Art mit Logic, und natürlich kann es mal Pannen geben. Das ist, als ob einem Gitarristen eine Saite reißt oder einem Drummer das Resonanzfell seiner Snaredrum kaputt geht. Das kann passieren, und wir stellen uns darauf ein. Genau genommen gibt es keine perfekte Show - und Björk mag genau dieses unberechenbare Punk-Element. Eine absolut perfekte Show würde sie gar nicht wollen."
Trotz dieses Wunsches von Björk lief die "Volta"-Tour ziemlich problemlos und perfekt für ihre Fans. Sie wird im Sommer mit Auftritten in Kanada, Schottland, Irland, Frankreich, der Schweiz, Spanien, den Niederlanden, Dänemark, Polen, Belgien und weiteren Ländern fortgesetzt. "Das ist eine der besten Tourneen, an denen ich bisher beteiligt war", offenbart Pollard. "Wir haben uns gut aufeinander eingespielt und diese große Synergie ist wirklich toll."