Ein Knirschen unterbricht die konzentrierte Stille im Klassenzimmer. Die Schüler haben sich vor einem Mikrofon, einem iBook und einer Tüte Erdnüsse versammelt. Eine Schlüsselszene des Werbespots, in der ein ungewöhnlicher Nußknacker die Hauptrolle spielt, wird nachträglich mit einem Spezialeffekt versehen. Die audiovisuelle Dramaturgie verlangt dem jungen Filmteam einiges an Vorstellungsvermögen ab. „Das Geräusch war zu kurz“, kommt es kritisch aus der Runde, während die neu vertonte Filmsequenz auf der Leinwand abgespielt wird. „Vielleicht sollten wir zwei Nüsse nehmen“. Die Produktion des Kurzfilms nähert sich allmählich ihrem Ende. Er wird, so hoffen die Nachwuchsfilmer von der Joseph-von-Fraunhofer Realschule, mit seiner knackig-knirschenden Pointe auf den nächsten Schulfilmtagen für Furore sorgen.
Die Auseinandersetzung mit dem Leitmedium Film ist zwar längst Bestandteil der Lehrpläne, doch bleibt in der Praxis den Schülern meist nur eine passive Zuschauerrolle. Nur selten wird die Gelegenheit geboten, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und im Rahmen eines Gruppenprojektes selbst als Filmemacher tätig zu werden. Der zeitliche und technische Aufwand läßt viele Lehrkräfte davor zurückschrecken, auch fehlt es oft an Erfahrung, um die Produktion eines Videofilms schlüssig in den Unterrichtskontext einzubinden.
Dabei ließe sich im Rahmen eines solchen Projektes die Medienkompetenz der Schüler aktiv fördern. Nur wer selbst einen Film gemacht hat, durchschaut die möglichen manipulativen, ästhetischen und emotionalen Wirkungen, die ein Film auf den Betrachter haben kann. Filmemachen heißt vor allem zu lernen, Themen aufzubereiten, Geschichten zu erzählen und diese in überzeugende Töne und Bilder umzusetzen. Der Ablauf eines gemeinsam durchgeführten Filmprojekts durchbricht die normale Unterrichtsroutine. Die Schüler fühlen sich neu angesprochen und in ihren Fähigkeiten neu bewertet - und danken es häufig mit ungekanntem Engagement.
Jugendliche erleben sich als kompetente Konsumenten und sind den Verführungen des Mediums weniger ausgeliefert.
- Johann Rambeck, Sprecher der Filminitiative an Schulen in Bayern
Unter der Schirmherrschaft des Regisseurs Helmut Dietl hat es sich das Modellprojekt „Kompetenzzentren Film“ in Bayern deshalb zur Aufgabe gemacht, Lehrkräfte aller Schultypen und Fachrichtungen fortzubilden und zugleich an den Schulen die technischen Voraussetzungen zu schaffen, um die kreative Filmarbeit im Unterricht stärker zu verankern.
Anfang 2003 nahmen die ersten 14 „Kompetenzzentren Film“ an den Schulen ihre Arbeit auf, 2006 konnte deren Zahl mehr als verdoppelt werden. Künftig sollen die Kompetenzzentren mit ihrer Erfahrung auch selbst als Multiplikatoren in Erscheinung treten und andere Schulen in ihrer Region betreuen. Lehrer anderer Schulen können sich dort beraten lassen und für eigene Schulprojekte Geräte ausleihen. Apple unterstützt die Ausstattung der Kompetenzzentren mit Hardware für die digitale Videobearbeitung mit iMovie und Final Cut Pro.
Die Rahmenbedingungen des Lehrgangs zur Qualifizierung von Lehrkräften sind beispiellos: In vier Lehrgangswochen, die sich über 18 Monaten erstrecken, werden die Teilnehmer von namhaften Referenten von der Hochschule für Fernsehen und Film in München und der Bavaria Film GmbH ausgebildet.
Das Programm orientiert sich am Szenario eines realen Produktionablaufs und erstreckt sich vom Drehbuchseminar über die Bild- und Lichtgestaltung bis hin zur digitalen Schnitttechnik und der Inszenierung von Laienschauspielern. Am Ende steht eine Zertifizierung mit theoretischer und praktischer Prüfung. Die Teilnehmer werden nicht nur fachlich gefordert: Sie tragen die Hälfte der Referentenkosten und die Veranstaltungen finden teilweise in den Ferien statt.
