Die Magnetic Timeline ist für Tsui ideal – so kann er auch große Änderungen machen, ohne dabei die Synchronität aus Versehen durcheinanderzubringen. – Baiyang Yu, Cutter

Tsui Hark. Young Detective Dee: Rise of the Sea Dragon

Bei den mehr als 30 Filmen, die er in den letzten drei Jahrzehnten produziert hat, ließ sich der renommierte chinesische Regisseur Tsui Hark meist von der Vergangenheit inspirieren. Indem er westliche Techniken des Filmemachens mit fernöstlichen Genres wie Wuxia (Schwertkampf und Kung Fu), Gangsterfilmen und Liebesdramen mischte, war Tsui Hark Mitbegründer des goldenen Zeitalters des Hongkong-Kinos.

Im Jahr 2010 war Hark mit dieser Formel nicht nur kommerziell erfolgreich: Der Film Detective Dee und das Geheimnis der Phantomflammen (2010) um den während der Tang-Dynastie lebenden gleichnamigen Kriminologen kombinierte Wuxia erfolgreich mit komödiantischen Elementen und einer geheimnisvollen Kriminalgeschichte und erhielt auch von Kritikern positive Bewertungen. Der Film war bei den Filmfestspielen von Venedig für einen Goldenen Löwen nominiert und erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den dritten Platz in der Time Magazine Liste der besten Filme des Jahres. Angespornt durch den Erfolg des Films, entschloss sich der Regisseur kürzlich, diesen Stoff wiederaufzugreifen: Young Detective Dee: Rise of the Sea Dragon lautet das mit Spannung erwartete Prequel, das mit neuester 3D Technik gefilmt und mit Final Cut Pro X geschnitten wurde.

Dees Wiedergeburt

Bevor er für den ersten Detective Dee Film im Regiestuhl Platz nahm, verbrachte Hark mehr als ein Jahrzehnt mit Hintergrundrecherchen um Di Renjie, das historische Vorbild, auf dem die Figur Detective Dee basiert. Die umfangreichen Informationen, die während der Arbeit am ersten Teil zusammengetragen wurden, gaben schließlich den Anstoß, einen zweiten Teil zu drehen. „Beim Lesen der Geschichten um Di Renjie wurde uns klar, dass er kein fantastischer Detektiv war, sondern ein Richter“, erklärt Hark. „Als wir am ersten Film über Di Renjie arbeiteten, redeten wir viel darüber, wie sich Di Renjie bei seiner Ankunft in Luoyang als Richter entwickelt hätte. So kam die Geschichte für den neuen Film zustande.“

Wie Hark betont, gibt bei der filmischen Adaption historischer Geschichten immer die Fantasie den Ausschlag gegenüber der historischen Genauigkeit. „Diese Art Thematik ist nicht leicht zu schreiben“, sagt er. „Es kommen zwar historische Figuren vor, aber unsere Geschichte basiert nicht auf historischen Fakten. Wir interpretieren die Geschichte auf unsere eigene Weise, das erleichtert es dem Publikum, die Details und Ereignisse besser wahrzunehmen und zu würdigen.“

Aktiv involviert

Bei der Produktion und Postproduktion bringt Tsui Hark diese Interpretation mit flüssiger Kameraführung und rasanten Schnitten auf ein ganz neues Level, wodurch der Zuschauer in die Geschichte hineingezogen wird. Bei jedem einzelnen Frame von Tsui Harks Filmen ist erkennbar, wie detailverliebt der Regisseur ist.

Laut Harks Cutter Baiyang Yu, der den Regisseur schon seit vielen Jahren bei der Schnittsoftware und -hardware berät, war der Regisseur auch beim Schneiden des neuen Films aktiv involviert. „Tsui schneidet seine Projekte gerne schon während des Drehs am Set, er hatte daher bereits viel Erfahrung im Umgang mit den Tools“, so Yu. „Der Workflow war schon bei einigen Filmen, bei denen wir Final Cut Pro 7 verwendeten, sehr flüssig. Tsui lässt sich oft schon während des Drehs das aufbereitete Material zeigen, was meist jede Menge temporäre visuelle Effekte, Compositing, Farbkorrekturen und Retiming umfasst. Allerdings nimmt dabei das Rendering einige Zeit in Anspruch und Tsui mag es überhaupt nicht gern, warten zu müssen.“

Umstellung des Workflows

Die Suche nach Wegen, langwieriges Rendern zu vermeiden, brachte die Filmemacher schließlich auf Final Cut Pro X. Yu verwendet Final Cut Pro nicht nur seit Jahren während des Schnitts, er ist auch zertifizierter Apple Trainer (ACT, Apple Certified Trainer). „Ich war der erste ACT in China, der für Final Cut Pro X zertifiziert wurde“, erklärt er. „Ich verwendete es dann beim Schneiden einiger kleinerer Projekte und die Leistungsfähigkeit und Flexibilität dieses Programms haben mich schnell überzeugt.“

Da das Team für visuelle Effekte und Compositing das Programm SGO Mistika verwendete, war eine Edit Decision List (EDL) notwendig, um Schnitte aus Final Cut Pro anzugleichen. „Zu diesem Zeitpunkt war EDL-X, ein Programm, mit dem sich Final Cut Pro X EDLs erstellen lassen, noch nicht verfügbar“, sagt Yu. „Deshalb erstellten wir ein eigenes PHP Script, um Final Cut Pro XML in EDL zu konvertieren.“

Yu brachte Hark dazu, bei der Produktion des neuen Films testweise Final Cut Pro X zu verwenden. „Ich erklärte Tsui, dass sich mit Final Cut Pro X der Workflow verbessern ließe, und er war einverstanden, es auszuprobieren“, erzählt Yu. „Wir konvertierten den aktuellen Schnitt mit 7toX von Intelligent Assistance in Final Cut Pro X und verwendeten es dann am Set. Nach einer Woche fragte ich Tsui, ob ihm die neue Version gefiel und ob er damit weiterarbeiten wolle. Er sagte ja und wir stellten den Film komplett auf Final Cut Pro X um.“

„Meiner Meinung nach ist Software immer dann am besten, wenn sie sich möglichst einfach bedienen lässt“, so Hark. „Wenn eine Software sehr zeitaufwändig zu erlernen ist, kann ich sie nur sehr schwer für meine Filme verwenden.“

Schneiden am Set

Das Prequel wurde in 3D mit RED EPIC Kameras in 5K Auflösung gefilmt, weshalb bei jedem Take die Kamera für das linke Auge (Videodateien in 3D werden üblicherweise mit zwei aufeinander abgestimmten Kameras aufgenommen, die das rechte und das linke Auge repräsentieren) in 1080p ProRes konvertiert und anschließend in ein Ereignis in Final Cut Pro X importiert wurde.

Während der Dreharbeiten nutzte Hark Ausfallzeiten am Set, um Material mit Final Cut Pro X auf einem MacBook Pro mit Retina Display zu schneiden. „Neben der Absprache mit dem Cutter, dem Regieassistenten und dem Produzenten schickte ich verschiedene Versionen des Films an viele Leute, um Feedback zu bekommen“, erzählt Hark. „Auch wenn ich den Film, an dem ich arbeite, gut kenne, ist das Feedback anderer Leute ein guter Anhaltspunkt für mich.“

Während des Schnitts nutzten Hark und Yu die neuen Funktionen von Final Cut Pro X voll aus. „Die Magnetic Timeline ist für Tsui ideal – so kann er auch große Änderungen machen, ohne aus Versehen die Synchronität durcheinanderzubringen“, sagt Yu. „Damit wird alles viel einfacher – auch beispielsweise hunderte von Soundeffekten und Musikclips auf der Timeline zu bearbeiten oder auszutauschen.“

Die neue Software half Yu, die unzähligen Komponenten dieses komplexen Films zu verwalten. „Dank der Schlagwörter und der Favoritenbereiche war die Verwaltung mit Final Cut Pro X sehr viel effizienter und flexibler. Und der Skimmer hat mir sehr dabei geholfen, große Mengen an Material durchzusehen. Ich habe immer schnell gefunden, was ich gerade brauchte.“

Schneller Export

Während der Schnitt voranschritt, wurden fertige Timelines als EDLs exportiert und in SGO Mistika übertragen, wo weitere Schritte wie Compositing, visuelle Effekte, Farbkorrekturen und die Anpassung an das 3D Format erfolgten. Das Audiomaterial wurde in der Rohfassung als QuickTime Dateien über FTP direkt an das Sounddesign-Team und den Komponisten Kenji Kawai in Japan gesendet.

„Sobald wir eine Version fertig hatten, mussten wir den gesamten Film mit unterschiedlichen digitalen Wasserzeichen versehen an verschiedene VFX Spezialisten, den Komponisten der Filmmusik, den Tonspezialisten, unser Marketingteam und die Verleiher exportieren. Das heißt, es wurden 8 bis 10 verschiedene Kopien des Films erstellt. Noch mit Final Cut Pro 7 nahm dies enorm viel Zeit in Anspruch und wir verbrachten einige schlaflose Nächte im Schneideraum, während wir auf das Ergebnis warteten. Mit Final Cut Pro X dauert es gerade mal ein Viertel der Zeit.“

Spannung bis zum Schluss

Yu ist sich sicher, dass Hark den Film bis unmittelbar vor seiner für den Herbst 2013 angekündigten Veröffentlichung bearbeiten wird. „Bei Flying Swords of Dragon Gate kamen wir insgesamt auf 15 verschiedene Versionen und mussten schließlich zum Abschluss kommen, als der Verleiher uns darauf hinwies, dass der Film bald veröffentlicht werden sollte“, erklärt Yu. „Das wird auch beim Prequel nicht anders sein. Der Schnitt wird erst im allerletzten Moment abgeschlossen sein. Wir machen ständig irgendwelche Änderungen.“

Yu ist sich sicher, dass er und Hark für ihren nächsten Film nach der Veröffentlichung des Prequels Final Cut Pro X verwenden werden. „Final Cut Pro X ist definitiv meine erste Wahl“, sagt er. „Durch die Umstellung auf Final Cut Pro X mussten wir zwar unseren Workflow umstellen und unser Team neu einarbeiten, aber es war den Aufwand wirklich wert. Ich hoffe, dass wir mit der Erfahrung, die wir gemacht haben, mehr Cutter dazu bewegen können, Final Cut Pro X auszuprobieren – es ist ein großartiges Tool.“