Vom Dach der Welt auf den Titel:
Der Dalai Lama und DER SPIEGEL
Fotograf Krems im Himalaja
Als er an diesem Samstagnachmittag das Flugzeug über die Gangway verlässt, treibt es Stefan Kiefer zum Verlagshaus, obwohl bereits mehr als 25 Stunden Reise hinter ihm liegen. Als er schließlich am Empfang die ersten frisch gedruckten Exemplare in der Hand hält, stellt sich endlich eine wohlige Zufriedenheit ein. Wieder ist ein besonderer SPIEGEL-Titel geglückt.
Ungewöhnlicher Auftrag…
Gerade erst am Montag hat die Chefredaktion entschieden, anlässlich des Besuchs Seiner Heiligkeit in Deutschland einen Titel über den Dalai Lama zu bringen. Kein wirklich gelungenes Porträt ist noch unveröffentlicht, so bleibt für Titelchef Kiefer und den Fotografen Frank Krems nur noch ein Weg: Hasselblad Kamera, Ausrüstung und MacBook Pro einpacken und nach Indien fliegen. In kaum mehr als 24 Stunden müssen nun Visa und Tickets beschafft und eine Audienz mit Fototermin erwirkt werden.
Als die Maschine am Dienstagabend in Hamburg-Fuhlsbüttel abhebt, ahnen beide noch nicht, mit welchen Strapazen diese Dienstreise verbunden sein würde: 13 Stunden Flug bis Neu-Delhi, anschließend nonstop 12 Stunden halsbrecherische Autofahrt bis in den Himalaja.
Donnerstag morgen um 7 Uhr treffen Krems und Kiefer am Tempel des Dalai Lama ein und werden von seinem Privatsekretär Tenzin Taklha mit den Worten begrüßt: „DER SPIEGEL ist uns wohl bekannt, aber warum meldet Ihr Euch nicht eher an?“ Für einen Fototermin ist im prallvollen Tagesablauf des Dalai Lama keine Zeit, sind doch im Tempel mehr als 4.500 Pilger aus aller Welt für eine buddhistische Unterweisung versammelt und warten Dutzende auf eine Privataudienz.
Dezent im Hintergrund bleiben
Doch dürfen beide während des Rituals anwesend sein und in nächster Nähe des Religionsführers dezent fotografieren. Stefan Kiefer gibt sich damit zunächst zufrieden. „Das sind Redakteure vom SPIEGEL aus Deutschland, die dürfen heute hier fotografieren. Wenn ich besonders freundlich gucke, dann komme ich bestimmt auf das Titelbild“ – mit diesen launigen Worten stellt der Dalai Lama den irritierten Gläubigen die Hamburger Besucher mit Kamera vor.
Obwohl einige schöne Schnappschüsse seiner Heiligkeit im vollen Ornat gelingen, ist noch kein Titelbild dabei. Seiner Verantwortung eines guten Gelingens bewusst, erwirkt Kiefer doch noch einen privaten Fototermin für denselben Tag.
Internetcafé auf dem Dach der Welt
Im einzigen Internetcafé von Dharamsala setzt er sich dann ans MacBook Pro und baut die besten Aufnahmen mit Photoshop in den roten Rahmen des SPIEGEL ein. Zunächst werden verschiedene typografische Entwürfe mit der Titelzeile gestaltet. Letzte Farbkorrekturen, noch ein Screenshot zur Freigabe per Handy an Chefredakteur Stefan Aust – und schon kann die komplette Titelseite an die Kollegen in Hamburg übertragen werden.
Digitale Ausstattung macht es möglich
So kommt es zum ersten komplett im Himalaja gestalteten SPIEGEL-Titel: Der farbkalibrierte Bildschirm, das schnelle MacBook Pro, Wacom Grafiktablett – fast die gewohnte Arbeitsumgebung. Aber höchst mobil – und Himalaja-tauglich. Auch für den Titelgrafiker Kiefer ein Erlebnis der besonderen Art.
Kaum 48 Stunden später liegt die nun bereits gedruckte SPIEGEL-Ausgabe vor ihm. Und der Dalai Lama lächelt ihm milde entgegen.
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